Nordisch nobel

Die Sängerin Lena Meyer-Landrut, kurz Lena genannt, spielt kein Instrument. Sie hat sich mal zwei Wochen lang an einer Gitarre versucht. Aber das war nichts. Lena war 14 und die Gitarre billig. "Ich hatte schnell keine Lust mehr zum Üben, weil mir die Finger weh taten und ich überhaupt ziemlich faul bin. Mir fehlt einfach die Disziplin, ein Instrument zu lernen", sagt die 21-Jährige. Findet sie es angemessen, dass die englische Ausgabe des Online-Lexikons Wikipedia sie als "Singer-Songwriter" führt? Lena denkt kurz nach. "Früher hätte das nicht gepasst, aber jetzt stimmt das schon. Jetzt habe ich ja Songs geschrieben", sagt sie zögerlich. Als wenn sie es auch noch nicht so recht glauben kann.

  • Swedish Artist Miss Li

Swedish Artist Miss Li

Anfang Oktober erscheint "Stardust", das dritte Lena-Album, das ein Neuanfang sein soll, weil nun sie und nicht mehr ihr Förderer Stefan Raab Regie führte. Ein Werk mit zwölf Liedern, die Lena nicht nur singt, sondern die sie auch mitverfasst hat. Und alles Personal, das ihr dabei zur Hand ging, hat Lena diesmal selbst ausgewählt: Texter, Musiker und Produzenten. Das schwören zumindest die Verantwortlichen ihrer Plattenfirma. Statt programmierter Elektronik, die den Sound der ersten beiden Alben prägte, bestimmen akustische Instrumente wie Gitarre, Bass und Schlagzeug und sogar ein Glockenspiel das "Stardust"-Klangbild. Anstelle quirliger Hektik werden eher entspannte Songs über Sonntage im Bett, Gänsehaut und rosa Elefanten geboten. Wirklich auffällig an dieser Musik ist nur der Gesang. Dieser Akzent von Lenas Englisch, der nicht deutsch klingt, sondern skurril; diese vertraute energische Stimme, an der sich die Geister scheiden. Ist das nun interessant oder nervtötend?

Fest stehe, dass Lenas Stimme besonders und damit ihr Markenzeichen sei, sagt Linda Carlsson: "Es kommt doch vor allem darauf an, dass eine Stimme Charakter hat. Neil Young oder Bob Dylan sind auch keine brillanten Sänger - aber eben sehr besondere. Und Lenas Stimme hat zweifelsfrei etwas Interessantes." Die 30-jährige Schwedin ist in der Popwelt seit einigen Jahren als Miss Li bekannt. Ihre Songs produziert sie meist mit ihrem Mann Sonny Gustafsson, in ihnen fließen Pop, Jazz, Country und viel Euphorie zusammen. Ihre Lieder sind nicht nur in Schweden erfolgreich, sie schafften es auch in US-TV-Serien ("Weeds", "Grey's Anatomy") und zahlreiche Werbekampagnen (Apples iPod, Volvo C70).

Nun hat diese Skandinavierin mit ihrem Gespür für Melodien, die auf der ganzen Welt gefallen, Lena auf die Sprünge geholfen. Vier der zwölf neuen Songs hat Linda Carlsson mitverfasst, sechs hat ihr Partner Sonny Gustafsson produziert. Das passt schon, weil Lena allen anderen beteiligten Songwritern zur Einstimmung gern den Miss-Li-Song "Oh Boy" vorspielte, um zu illustrieren, wie sie gern klingen würde. Es passt auch, weil einige schwedische Journalisten nach Lenas Grand-Prix-Triumph 2010 mit "Satellite" anmerkten, dass sich Lena ja wie Miss Li anhöre. Was nicht böse gemeint war. Die Kollaboration passt aber vor allem für Lena, weil die Schweden eine Art Zauberformel für Pop-Bestseller gefunden zu haben scheinen. "Die müssen ein Gen für Pop haben", sagt auch Lena.

Dafür spricht, dass das kleine skandinavische Land mit 9,4 Millionen Einwohnern, was die Popmusik-Exporte betrifft, weltweit auf Platz drei rangiert, hinter den USA und Großbritannien. Die Schweden punkten durch alle Genres hindurch: mit hippen Künstlern wie Lykke Li, die mit "I Follow Rivers" den Sommerhit 2012 lieferte, mit The Knive, Mando Diao oder The Hives. Oder mit Hitparaden-Pop von Roxette, The Cardigans, Neneh Cherry, Ace of Base oder Europe. Und natürlich, damals, Abba.

Besonders gut läuft es für Zauberer hinter den Kulissen, also schwedische Songschreiber wie Max Martin oder RedOne, die Madonna, Lady GaGa, Britney Spears und Konsorten mit Hits versorgen. Der britische "Guardian" schrieb kürzlich, es gebe kaum eine Woche, in der nicht ein von Schweden geschriebener Song irgendwo in dieser Welt in die Top Ten einsteige.

Bleibt die Frage, wie die umtriebigen Schweden das hinbekommen? Zum einen hilft es dem internationalen Erfolg, dass die Skandinavier lupenreine Englischkenntnisse vorzuweisen haben, was vor allem unsynchronisierten US-TV-Serien und Kinofilmen zu verdanken ist. Außerdem bieten schon die Schulen eine umfangreiche und ambitionierte musikalische Erziehung und stellen ohne bürokratischen Aufwand ausreichend Instrumente und Übungsräume zur Verfügung.

So klischeehaft es klingt, helfen auch die langen, dunklen Wintermonate beim Musizieren, weil das, erstens, die Zeit und, zweitens, die Tristesse vertreibt. "Wichtig ist auch die große Leidenschaft hier für Individualität. In Schweden wollen die meisten Musiker einen eigenen Sound schaffen, weil sie wissen, dass sie nur so im Rest der Welt wahrgenommen werden. Amerikanische und britische Vorbilder zu kopieren, macht da wenig Sinn", sagt Linda Carlsson. "In diesem Sinn ist Lena wie eine Schwedin, sie hat etwas sehr Individuelles."

Eigentlich hatte Lena ihre Karriere ja auf Eis gelegt. Hatte nach zwei Grand-Prix Auftritten, einem Sieg und einem ehrenwerten zehnten Platz und nach zwei Jahren medialer Allgegenwart ihre Sehnsucht nach einem Alltag jenseits des Rampenlichts entdeckt. Ein Studium sollte das richten: "Ein geregeltes Leben. Um neun Uhr zur Vorlesung. Danach Kochen und zu Hause bleiben. Ich fand die Idee klasse", sagt sie heute. Aber für jemanden, der so aufgedreht ist wie Lena, war der Plan eben auch ein bisschen überraschungsarm. Sie schrieb sich zwar noch ein, aber je näher der Studienbeginn rückte, desto klarer wurde ihr, dass das nicht funktionieren würde. "Mich packte dann doch noch der Ehrgeiz, noch ein Album zu machen. Ich wollte den Leuten beweisen, dass ich ganz cool bin, dass viel mehr in mir steckt", sagt Lena.

Als die Anfrage aus Deutschland kam, war Linda Carlsson zwar überrascht, zögerte aber nicht lange. "Lena gilt in Schweden als interessant", sagt sie. Also traf man sich, plauderte, tauschte musikalische Vorlieben aus, verstand sich und schrieb innerhalb weniger Tage einige Songs. Lena habe präzise gewusst, was sie wollte, sagt Linda Carlsson.

"Authentizität" sei das Zauberwort gewesen, also real eingespielte und nicht im Studio nachbearbeitete Instrumente. Wenn sie mal ein spezielles Gitarrensolo im Kopf hatte, summte sie, wie es zu klingen habe. Wenn es mal nicht so lief, wie Lena es sich ausgemalt hatte, legte sie auch ihr Veto ein. "Um einen Song zu schreiben, muss man kein Instrument beherrschen", sagt Linda Carlsson. "Man kann alles in ein Smartphone pfeifen und dann von Profis umsetzen lassen. Wichtiger ist doch, dass man die Idee hat."

So entstand ein überraschend charmantes Album, das es aber schwer haben wird. Für die Hitparaden sind die Songs zu dezent geraten. Vor allem aber war Lenas größtes Talent bisher, Lena zu sein: das fröhlich trällernde, überdrehte Gute-Laune-Kind der Nation. Dafür wurde sie von vielen geliebt, so sehr, dass sie bis zu sechs Songs in den deutschen Charts hatte. Damals, als Stefan Raab noch Regie führte. Der Preis dieses Erfolgs war, dass sie als Künstlerin nicht ernst genommen wurde.

Schweden haben im Pop keine Vorurteile. Viele Castingshow-Absolventen gelten als respektabel, während in Deutschland kein Alexander Klaws je eine echte Chance auf Anerkennung hatte, trotz fünf Top-Ten-Hits. "Ein ehemaliger Teenie-Star wie Robyn ist eine coole Electro-Queen. So ein Neuanfang sollte Lena auch gelingen", sagt Carlsson. Es sei auch eine Frage des Timings, sagt Lena. "Vielleicht bin ich zu früh zurück oder total zu spät. Das werde ich jetzt rausfinden." Und ein Instrument kann sie immer noch lernen.

Lena: "Stardust" (Universal). Single erscheint am 21.9.; Album: 12.10.2012.

ABBA

Das schwedische Musikphänomen

Wenn Sie „Dancing queen“ von ABBA oder „One“ von Swedish House Mafia nicht kennen, müssen Sie die letzten Jahre in einer Höhle im Wald gelebt haben. Denn die Hits schwedischer Musiker sind ständig und überall zu hören.

©Plattform/Johnér

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Miss Li
Linda Carlsson, die sich Miss Li nennt, schreibt Songs wie "Oh Boy", die sogar in US-Fernsehserien wie "Grey's Anatomy" zu hören sind. Nun hat sie Lena auf die Sprünge geholfen.

Abba
Die beiden Abba-Musiker Benny Andersson und Björn Ulvaeus sind die Urväter der global erfolgreichen schwedischen Pop-Industrie. ("Dancing Queen", "The Winner Takes It All")

Denniz Pop
Er war der erste Schwede, der hinter den Kulissen Bestseller für Landsleute und Kunden wie Backstreet Boys und N'Sync fertigte. Er starb 1998 mit 35 Jahren an Krebs. (Dr. Alban: "It's My Life" und Ace of Base: "All That She Wants")

Max Martin
Der Ex-Kollege von Denniz Pop perfektionierte dessen Zauberformel. Seit Jahren liefert er in atemberaubender Beständigkeit Bestseller. (Britney Spears: "… Baby One More Time" und Katy Perry: "I Kissed a Girl")

RedOne
In Marokko geboren, ging er nach Schweden, um Hits für Jennifer Lopez und andere zu konstruieren. Dankbar ist ihm vor allem Lady GaGa. (Lady GaGa: "Poker Face", "Alejandro" und "Just Dance")

Thomas G: Son
Der Euro-Grand-Prix-Spezialist hat schon für acht verschiedene Nationen Wettbewerbs-Songs maßgefertigt. Dieses Jahr gewann die Schwedin Loreen mit seiner Komposition "Euphoria".

Dieser Artikel erschien erstmals im Kulturspiegel 9/2012. Autor: Christoph Dallach

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