Der Weg ist das Ziel

400 Kilometer in zwei Wochen mit Unbekannten. Nur das Ziel ist klar: von Kalmar nach Varberg wandern. Jeder muss für sich alleine den richtigen Weg finden. Johanna Straub hat sich für NORR auf den Weg ins Ungewisse begeben. Und erstaunliche Erfahrungen gemacht. Eine Reportage aus NORR - das Skandinavienmagazin.

  • Coast2Coast – between Kalmar and Varberg
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Coast2Coast – between Kalmar and Varberg

Varberg, im Mai. Es ist warm, fast heiß, ein früher Sommertag. Die Menschen auf der Straße bleiben stehen, als wir vorbeiziehen, sie sehen uns an und lächeln. Die Beine laufen wie von selbst. Wir kommen auf viele Beine, wenn wir alle zählen. 36 bringen wir insgesamt zusammen: Zwölf Wandernde, die Hündinnen Wilda und Lycka und Allan, das Pferd. Wie eine Zirkustruppe müssen wir aussehen, denke ich. Wie eine Karawane. 

Wenn man einen Weg zu Fuß zurückgelegt hat, entsteht eine besondere Form der Erinnerung. Wenn man nicht bleibt, sondern sich voran bewegt, vermehren sich die Erinnerungsbilder mit der zurückgelegten Strecke. Es sind nicht nur die Erlebnisse und Begegnungen, die in Erinnerung bleiben, sondern sie sind wie verschiedene Bühnen, auf denen die Eindrücke sich halten, die Bilder der Orte, die man durchquert, der Landschaften, die man gesehen hat. Wenn man dies mit anderen teilen kann, ist es umso schöner. 

Wir gehen zu Fuß nach Varberg hinein. Startpunkt der Wanderung, zwölf Tage vorher, ist Kalmar. An einem anderen Meer. Und zu einer anderen Jahreszeit. In diesen zwölf Tagen kommt der Mai nach Schweden und die Bäume schlagen aus. Wir sehen zu, wie alles grün wird.

Alles ist erlaubt

Kalmar. Startpunkt der Wanderung und Ort der Anfänge: Das allmähliche Eintreffen der Teilnehmer am vereinbarten Treffpunkt an der Burg, ein erster Ausrüstungsvergleich, das Warten auf Pferd Allan, Star des Teams vom ersten Auftritt an, die letzten Nachzügler, das offizielle Startfoto der um die vierzig Teilnehmer, die sich von Kalmar aus auf dem schmalen Betonweg in Richtung Westen aufmachen.

Eine kurze Presseankündigung verbreitet sich im Winter über die Outdoorblogs. Jörgen Johansson, bekannt als Buchautor der ultraleichten Wanderszene, und Journalist Jonas Hållén laden 2013 zur Premiere von »Coast to Coast Sweden« ein. Eine Wanderung vom Kalmarer Schloss bis zur Varberger Festung. Am ersten Sonntag im Mai soll es losgehen und etwa 400 Kilometer und zwei Wochen später ist Schluss. Es gibt keine Gruppenstruktur, keine vorgegebene Strecke, keine Startgebühren, keine Auflagen. Es gibt nur diese Einladung. Und bald darauf eine Internetseite, eine Facebook-Gruppe. Die Mitgliederzahl wächst schnell. Ich melde mich an. 

Warum, fragt die Journalistin, die mich in Moheda für die örtliche Zeitung interviewt. Warum laufe ich im Frühjahr einmal quer durch Südschweden von Kalmar an der Ostküste bis nach Varberg an der Westküste? Ich habe keine kurze Antwort parat, es gibt viele Antworten darauf. 

Aufbruch ins Ungewisse

Nybro. Der erste Tag ist lang, aber der Ehrgeiz, den Zielpunkt zu erreichen wächst. Es ist die letzte Chance, die anderen einzuholen. Doch abends finden sich so viele Wanderer im Naturreservat ein, dass wir ein richtiges Lager haben. Keiner will den Anschluss verlieren, keiner will, dass es aufhört. Der Kern dieser Unternehmung ist, dass man den Weg teilt. Von Anfang an ist das zu spüren. 

Ich bin hier, weil ich herausfinden will, wie es ist, gemeinsam zu laufen. Ich bin schon oft alleine gewandert und auch zu zweit, kenne die Extreme des Solo-Hiking und des Wanderns mit einem festen Teampartner. Herauszufinden, wie es sich in einer lockeren Gemeinschaft läuft, in der jeder auf sich selbst gestellt ist und alle zusammen das Ziel teilen, ist neu für mich. Es ist ein Experiment, nicht nur für mich. Dass die Gruppe tatsächlich eine Gruppe werden würde, war nicht abzusehen.

Wanderlust und Schnarchkonzert

Gullaskruv. Schotter. Eine Linie, Monotonie. Der Eisenbahndamm führt geradeaus, keine Kurve verheißt Gnade, das Ende der Etappe. Wir ziehen das Tempo an. Endlich, zur Rechten das Fußballfeld, wo schon die ersten Zelte stehen. 

Es gibt viel Asphalt auf dieser Strecke, und die Füße melden sich nicht erst abends, sondern schon nach den ersten Kilometern. Wir vergleichen Asphaltsorten und bewerten die unterschiedlichen Härtegrade. Die Wahrnehmung wird geschärft, wenn man draußen unterwegs ist. Der Humor bleibt. H

Hedasjön. Den Rucksack absetzen, die Kleider von sich werfen, die Schuhe. Ins Wasser. Es ist warm genug. 

Växjö. Die Strecke zieht sich, der Asphalt ist unnachgiebig. Das Vandrarhem ist ein Lazarett. Wunden werden vorgeführt, Blasen verglichen. Die Wanderung fordert ihren Tribut, die Gruppe wird sich am nächsten Tag deutlich verkleinern.

Die Frage nach dem Warum

Moheda. Der Wolkenbruch: Der gesamte Regen, der insgesamt auf diese zwei Wochen im Mai verteilt fallen könnte, kommt auf einmal herunter. Gewaltig. Wir flüchten auf einen Hof unter einen Unterstand aus Wellblech für Landmaschinen. Am Lagerplatz begrüßt uns ein hilfsbereiter Mensch mit Kaffee und »Kanelbulle«, echtem schwedischem Kaffeegebäck.

Skuggebo. Der Platz liegt direkt am See. Ein langer Tag liegt hinter uns. Wir trinken Rum und schwimmen im kalten See. Ich stelle fest, dass das Essen draußen viel besser schmeckt. 

Flahultasjön. Ein langgestreckter Strand. Jeder bekommt einen Zeltplatz in der ersten Reihe. Ein Lagerfeuer am Wasser. Zeitlosigkeit. Als wären wir ewig unterwegs. 

Spabo. Ein Holzunterstand zum Schlafen, passend zum Nieselregen. Selbstgebackene Zimtschnecken. Die Hilfsbereitschaft begleitet uns. Wo wir auch hinkommen. 

Gunnarp. Ein Hügel mitten in einem Feld. Käsekuchen wird über dem Feuer erhitzt. Ein Weinkarton macht die Runde. Es riecht nach Abschied. 

Fegen. Ein Restaurant macht für uns auf. Wir haben mehr als genug Proviant für die letzte Etappe. Trotzdem kommt keiner an dem Restaurant vorbei.

Åkulla. Der plötzliche Übergang vom Nadelwald zum Buchenlaub. Die Vorahnung, dass wir tatsächlich ankommen werden. Dass dieser Weg am Wasser tatsächlich nicht weiter geht. Die letzte Nacht im Zelt. Und dann Varberg: Das Licht über dem Meer und die Stille. 

Und die Frage nach dem Warum? Es gibt viele Antworten darauf: Weil man unterwegs lernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Weil dieser Weg so vielfältig ist. Weil er von Bullerbülandschaft über militärisches Sperrgebiet über gerodete Wälder über Gebirge aus Sägespänen über Hochmoore und Buchenwälder bis hin zu acht verschiedenen Asphaltsorten so vieles zu bieten hat. Weil man an Grenzen kommt. Weil es keinen Grund gibt, es nicht zu tun. 

In diesem Jahr wird es wieder eine Coast to Coast-Wanderung durch Schweden geben. Die Strecke wurde leicht verändert, es wird weniger Asphalt geben, mehr Übernachtungen an Seen. Gerüchte kursieren, dass ein Pferd teilnehmen wird und zwei Kleinkinder in einem Doppelkinderwagen. Vieles ist offen, aber eins steht fest: Es wird anders.

Die Reportage in voller Länge lesen Sie online auf norrmagazin.de.

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Dieser gekürzte Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des NORR Magazins 1/2014. Weitere spannende Reportagen gibt es in der Printausgabe, darunter:

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