Afterwork im Wald

In Stockholm liegt die Natur gleich um die Ecke. Trotzdem ist man dort meistens ganz allein, besonders im Herbst. Ein Text von Gabriel Arthur.

  • Hiking in Stockholm
  • Open fire
  • In the wooden hut

Hiking in Stockholm

In der Mittagspause sitze ich mit meinen Kollegen Fernando Medina und Jonas Wannfors bei unserem Stamm-Inder direkt neben dem Büro. Nach dem Essen kaufen wir ein und begeben uns zur U-Bahn-Station Slussen. Auf dem Weg dorthin treffe ich eine Bekannte. „Wir sind auf dem Weg zu einem Naturreservat, wo wir wandern gehen wollen. Leider habe ich den Namen vergessen, aber es liegt in der Nähe von Saltsjöbaden“, erkläre ich unseren Anblick. „Aha“, lautet die nachdenkliche Antwort.

Ich kann ihren mangelnden Enthusiasmus verstehen. Schließlich ist es bereits Oktober, dieser ganz gewöhnliche graue Donnerstag ist wettertechnisch nicht gerade ein Höhepunkt, und wir stehen in voller Montur mit einigen Tüten voller Lebensmittel auf der Straße herum. Wieso wir ausgerechnet nach Saltsjöbaden wollen?

Die Idee entstand während einer Diskussion zum Thema Afterwork. Könnte man anstelle der in unserer Bürogemeinschaft üblichen Bierrunde am Donnerstagabend nicht einfach mal in den Wald fahren? Inklusive Übernachtung und pünktlichem Erscheinen am nächsten Arbeitstag? Ich googelte die Begriffe Naturreservat, Windschutzhütte, Stockholm und landete auf dem Blog der Familie Traneving, die Tipps zu einer Windschutzhütte am See Trehörningen in der Nähe von Saltsjöbaden gab. „An einigen Stellen erinnert die Gegend stark an den Nationalpark Tiveden“, hieß es dort.

Bei weiteren Nachforschungen stieß ich auf einen drei Kilometer langen Wanderweg, der von der Bahnstation Tattby aus durch das gleichnamige Naturreservat führte. Leider konnten wir nicht alle von unserer Idee begeistern: Acht von elf Kollegen sagten ab. Aber die Fotografin Karin Alfredsson wollte gerne noch mit. „Auf den Bildern sind keine Schlafplätze in der Windschutzhütte zu sehen. Ist das nicht vielleicht nur ein Rastplatz?“, fragte sie sich angesichts der Übernachtungsmöglichkeiten im Wald.

Die Nähe zur Natur ist typisch für Stockholm – und so gut wie alle anderen schwedischen Städte, in denen ich bis jetzt gewesen bin. Manchmal muss man sich ein bisschen anstrengen, um aus der Stadt herauszukommen; man hört vielleicht auch ein wenig Verkehr im Hintergrund und der Himmel ist nicht ganz so dunkel wie in der »richtigen« Wildnis. Aber auch in der stadtnahen Natur riecht es nach Wald oder Meer – und meistens ist man dort ganz alleine. Zu Anfang ist die Wanderung (oder besser der Spaziergang) nicht besonders bemerkenswert. Der Wanderweg ist zugleich ein Fahrradweg. Hundehalter und Jogger schauen sich nach unseren großen Rucksäcken und Wanderstiefeln um. Doch dann geht es auf einem kleineren Pfad weiter und wir erblicken den idyllischen See Dammsjön mit seinen kleinen Inseln. Beim Erstaviksbadet stoßen wir auf einen Weg, der in nördlicher Richtung direkt in den Wald hineinführt.

Nun wird es langsam dunkel. Doch es ist ein stimmungsvolles Erlebnis, in der Dämmerung durch den Wald zu wandern. Die Windschutzhütte liegt auf einer kleinen Klippe direkt neben dem ruhigen See. Wunderschön. Es ist mittlerweile halb fünf. Noch nicht wirklich spät. Was machen wir jetzt? Die Rastlosigkeit der Stadt sitzt uns in den Knochen. Wir trinken Kaffee und stellen fest, dass wir tatsächlich alle in der Windschutzhütte schlafen können, wenn einer auf der Bank schläft und die anderen auf dem Boden. Dann machen wir Feuer.

Damit hat sich auch die Frage nach weiteren Aktivitäten erledigt. Das Feuer wird zum Mittelpunkt unserer kleinen Truppe. Wir müssen Holz nachlegen, dem Rauch ausweichen, mehr Feuerholz suchen oder einfach nur die Flammen beobachten. Wir kochen uns ein leckeres Abendessen und reden bis halb zwölf. Dann nehmen wir unsere Schlafplätze ein.

Am nächsten Morgen beginnen wir den Tag mit einem zünftigen Frühstück und wandern danach in gemächlichem Takt zurück zur Bahnstation. „Ihr stinkt ja ganz schön nach Rauch“, beklagt sich der Schaffner. Zurück im Büro springe ich kurz unter die Dusche. Dann habe ich eine Besprechung. Und merke, dass ich immer noch nach Rauch stinke. Doch es fühlt sich irgendwie gut an.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des NORR Magazins. Weitere spannende Reportagen gibt es in der Printausgabe. www.norrmagazin.de

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