Die Stadt der Dämmerung

Vergesst Bullerbü: In Stockholm hat Astrid Lindgren fast ihr gesamtes Leben verbracht. Und den Zauber der Großstadt festgehalten / Von Tilman Spreckelsen

  • Astrid Lindgren (1907-2002) in her home, Stockholm
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  • Delsbogården at Skansen in Stockholm
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  • Rosendal's Garden at Djurgården in Stockholm

Astrid Lindgren (1907-2002) in her home, Stockholm

Ein Herbstabend, es nieselt, und der Junge, der dort auf einer dunklen Parkbank sitzt, sollte eigentlich schleunigst nach Hause gehen. Dass er lieber bleibt, hat mit Onkel Sixten und Tante Edla zu tun, die es schon längst bereuen, dass sie den Jungen nach dem Tod der Mutter bei sich aufgenommen haben - "Du da, geh nach draußen, damit ich dich nicht sehen muss", sagt Onkel Sixten meist zu seinem Adoptivsohn. Bo Vilhelm aber, den alle nur Bosse nennen, träumt von seinem Vater, dem richtigen, der irgendwie verschwunden ist. Bis dann an jenem Oktoberabend aus einer Bierflasche unter der Parkbank ein Geist schlüpft, der den Jungen ins "Land der Ferne" trägt, wo der verschollene Vater König ist und sich vor Sehnsucht nach seinem Sohn verzehrt.

Stockholms ruhiges Vasaviertel

So beginnt "Mio, mein Mio" von Astrid Lindgren, eine Art Fantasyroman aus dem Jahr 1954. Doch so nebulös dieses "Land der Ferne" ist, so exakt benennt Astrid Lindgren den Ort, von dem der Junge aufbricht: Es ist der Tegnérpark in Stockholms ruhigem Vasaviertel, eine überschaubare quadratische Grünfläche mit einem kargen Spielplatz und einem künstlichen Bachlauf, der auf der Spitze eines Hügels in der Parkmitte entspringt und in ein Wasserbecken mündet.

Ringsum schließen die Fronten der fünfstöckigen Wohnhäuser den Park ein. Onkel Sixten und Tante Edla wohnen in der Upplandsgatan 13, und aus dem sandfarben gestrichenen, klotzigen Haus lässt sich über den Straßenverkehr hinweg die vordere Hälfte der Anlage bestens beobachten. Auch wenn man den Jungen eigentlich gar nicht sehen will.

Tegnérpark und Tegnérgatan

Mag sein, dass Astrid Lindgren genau deshalb die Adresse so exakt angegeben hat, dass sie Haus und Park nennt, damit man auch sechzig Jahre später die missmutigen Augen von Onkel Sixten auf sich ruhen fühlt, wenn man tagsüber im Tegnérpark auf der Bank sitzt und den Kindern beim Schaukeln zuschaut. Später, wenn es dämmert, ist man dann meist allein, nur ein paar hastige Passanten nehmen die Abkürzung quer über den Hügel, und von der nahen Kreuzung der Tegnérgatan mit der Drottninggatan dringt das Gelächter der Gäste herüber, die immer noch draußen vor den Kneipen sitzen und dem sanften Regen aus dem hellgrauen Himmel trotzen. Sonst ist es still, mitten in der Großstadt. Ein guter Ort für Flaschengeister.

Wer an Astrid Lindgren denkt, hat zuallererst Bullerbü vor Augen, wahrscheinlich auch Michel aus Lönneberga und Madita. Und mit ihnen ländliche Mittsommerfeste, Krebsefangen im See, Kühe, rote Holzhäuser und die ganze Herrlichkeit der schwedischen Provinz. Dass die Autorin aber die allermeiste Zeit ihres Lebens in Stockholm verbrachte, nachdem sie ihrer dörflichen Heimat den Rücken gekehrt hatte, fällt dabei unter den Tisch.

Flucht nach Stockholm

Astrid Ericsson, geboren 1907 im idyllischen Småland, hatte sehr jung ein Kind von einem verheirateten Mann bekommen und war nach Stockholm geflüchtet, wo sie Arbeit als Sekretärin fand. Ihren Sohn Lars aber hatte sie zu Pflegeeltern nach Dänemark geben müssen, bis sie nach ihrer Heirat mit Sture Lindgren den Vierjährigen zu sich nehmen konnte.

Das Ehepaar Lindgren wohnte immer im Vasaviertel: Zunächst in der Vulcanusgatan 12, einer winzigen Querstraße, die in einer Sackgasse endet - Karlsson vom Dachs Behausung, jene kleine Hütte hinter dem Schornstein, kann man sich kaum woanders vorstellen als in den irgendwie zusammengewachsenen Giebeln dieser Straße. Und es mag sein, dass die Anwohner es gar nicht so seltsam fänden, wenn ein "schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann" (Karlsson über Karlsson) mit einem Propeller auf dem Rücken geradewegs durch ihre geöffneten Wohnzimmerfenster flöge - schließlich ist das Vasaviertel seit Astrid Lindgrens Romantrilogie um "Karlsson vom Dach" (1955/68) berühmt für diesen sonderbaren Gast und seinen kleinen Freund Lillebror, der mit seinen Eltern und Geschwistern im selben Haus wohnt, auf dessen Dach Karlsson lebt.

Am Ende der Vulcanusgatan führt eine Treppe am Querhaus entlang und schließlich unter einem Torbogen durch auf den belebten Sankt Eriksplan, eine Spuckweite entfernt vom Vasapark.

Wenn Lindgrens ländliche Heimat der eine Pol ihrer Welt und in ihrem literarischen Werk ist, dann ist dieser Park der andere. Spektakulär ist er nicht, aber mit seinen alten Bäumen und verschwiegenen Wegen angenehm verwunschen. Wo in Lindgrens Erzählung "Peter und Petra" die Schulkinder im Winter ihre Schlittschuhbahnen auf einer gefluteten und vereisten Brachfläche ziehen, da sind jetzt drei kleine Fußballplätze. Am Rand, auf einer abschüssigen Rasenfläche, üben zwei Mädchen in der Herbstsonne Synchrontanz, und wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was man sich über die 2002 gestorbene Lindgren erzählt, die beim Spielen mit ihrem Sohn mindestens so viel Spaß hatte wie er und die noch im Seniorenalter auf die Bäume des Vasaparks kletterte, dann hätte sie sich wohl kaum die Gelegenheit entgehen lassen, von den Mädchen zu lernen.

Astrid Lindgrens letzte Wohnung

Von ihrer Wohnung in der Dalagatan 46 hatte sie gut sechzig Jahre lang diesen Teil des Parks im Blick. Und was sie damals schrieb, spielt sich zu einem großen Teil in den Straßen ab, die sie zu Fuß erreichen konnte. Wer heute ihren Spuren folgt, geht durch ein Wohnviertel mit breiten, gleichmäßig bebauten Alleen, das völlig unaufgeregt jeder modischen Torheit trotzt. Und wo etwas Extravaganz aufschimmert, etwa an der Kreuzung von Sveavägen und Odengatan mit Gunnar Asplunds 1928 gebauter Stadtbibliothek, deren Rotunde weithin im schönsten Römischrot leuchtet, fügt sich ihr ziviler Neoklassizismus selbstbewusst ins nüchterne Vasaviertel.

Astrid Lindgrens großes Projekt zur Verzauberung ihrer Stadt beginnt genau hier.

Besuch von Herrn Lilienstengel

Schräg gegenüber, auf der Nordseite der Odengatan, steht eine Häuserreihe vor der U-Bahn-Station Odenplan. Dort spielt Astrid Lindgrens Märchen "Im Land der Dämmerung" von 1949. Es erzählt von dem gelähmten Jungen Göran - immer wieder schreibt Lindgren über einsame Jungen im Vasaviertel! -, den dort allabendlich der winzige Herr Lilienstengel besucht. "Auf dem Fenstersims blieben wir stehen", erzählt Göran, "und sahen uns um. Da lag Stockholm in der Dämmerung, in einer ganz weichen, blauen Dämmerung. Auf den Straßen war kein Mensch zu sehen."

Und dann folgt - an der Hand des Herrn Lilienstengel - ein Spazierflug über Stockholm, der seinesgleichen sucht: Die Stadt wird genau beschrieben, die Viertel, Bauwerke, Brücken und Parks werden benannt, und man würde sich hier mit dem Buch in der Hand wohl zurechtfinden. Aber es ist trotzdem ein anderes Stockholm als das von 1949 oder das von heute - eine verzauberte, ins Dämmerlicht getauchte Märchenstadt.

Die erste Station ist das Klaraviertel, das alte bürgerliche Zentrum Stockholms vis-à-vis zur Insel Gamla Stan mit dem königlichen Schloss. Doch was Göran und Herr Lilienstengel noch sehen konnten, ist verschwunden, seit man die verwinkelten historischen Bauten zwischen 1952 und 1971 dem Erdboden gleichgemacht hat - heute sind dort Schneisen für den Autoverkehr, Kaufhäuser und Bürogebäude, die überall stehen könnten. Geblieben ist immerhin die spitztürmige Klarakirche mit ihrem stillen Hof, und genau dort fliegen die beiden Abenteurer hin: "Ich will nur mal kurz ein paar Worte mit dem Wetterhahn reden", sagt Herr Lilienstengel, dann fliegen sie weiter.

Sie besuchen den Kronobergspark ihrer Parallelwelt und pflücken Bonbons von den Bäumen, und als ich es ihnen in meiner Welt nachtun will, finde ich zwischen den Eichen, Birken und Platanen nur einen einsamen Biertrinker mit seinen Tüten auf einer Bank. Der Blick aber ist von hier oben hinreißend schön und weit über Stockholms Inseln. Unten, am Fuß des Parkhügels, spielen Kinder in einer Holzburg mit Türmchen und Wappen, andere entern ein trockenliegendes Boot oder reiten auf Pferdeskulpturen.

In Lindgrens Dämmerstunde gibt sich Göran damit nicht ab. Lieber besteigt er die Straßenbahn, die er selbst steuern darf, aber die Linie 4, die er mit Karacho Richtung Gamla Stan bugsiert, ist inzwischen längst ausrangiert - sie verschwand, als am 3. September 1967 um fünf Uhr morgens in Schweden der Rechtsverkehr eingeführt worden ist. Autos konnten damals leicht die Spur wechseln, bei Straßenbahnen war das schwieriger, fand man, und schaffte die Linien lieber ab.

Stockholms Klassiker

Göran und Herr Lilienstengel aber sehen in Lindgrens Stockholmbuch noch die Altstadt samt Königspalast, wo ihnen im hohen Krönungssaal vom Herrscherpaar eine Audienz gewährt wird, sie setzen über zur Vergnügungsinsel Djurgården und besuchen den Volkspark Skansen. Der sieht in der Dämmerstunde beinahe so aus, wie ihn noch heute jeder Tourist erleben kann: Das große, 1891 eingerichtete Gelände, in dem jede schwedische Region einzeln durch Gebäude oder auch durch Tiere wie Wölfe und Elche repräsentiert wird, ist zum Glück nicht wesentlich verändert worden.

Der hölzerne Seerosenhof etwa, in dem bei Astrid Lindgren Göran mit dem geisterhaften Mädchen Kristina tanzt, ohne sein lahmes Bein zu spüren, ist an diesem sonnigen Nachmittag berückend in seinem staubigen Charme - im Inneren hat man einen riesigen Webstuhl aufgestellt, im Kamin glimmt ein Feuer, und von der Decke hängt eine hölzerne Schaukel mit dicken Schnüren, damit man ein Kleinkind festbinden könnte, wenn es bei der Arbeit stört.

Nebenan ist eine Art bäuerlicher Festsaal, von dessen Wänden Heilige herabschauen. Der Dämmerungsgast Göran verspeist hier mit seiner Kristina Fladenbrot, Molkenkäse und Rentierbraten, umgeben von lauter schattenhaften Gestalten, die offenbar längst gestorben sind. Und wenn man sich das genau vorstellt, fröstelt man und sorgt sich um den Jungen, der schon mit einem Bein im Jenseits steht.

Draußen liegt ein Hauch von Herbst auf dem Hof, Insekten tanzen in der Sonne, und in den Nebengebäuden stört niemand die Spinnen beim Netzebauen. Tage möchte man hier verbringen, von einem Hof zum anderen gehen, von der Stahlzeche aus Schonen bis zum Braunbär aus Lappland.

Ein Denkmal für Astrid

Im Tegnérpark hat man Astrid Lindgren ein Denkmal errichtet, vielleicht als Ausgleich zum kraftmeiernden Strindberg-Standbild auf der anderen Seite der Anlage. Die Autorin sitzt etwas abseits und schaut auf die Upplandsgatan. Auf ihrem Mantel sind Titel ihrer Bücher verzeichnet: "Allerliebste Schwester", "Peter und Petra", "Im Land der Dämmerung" sind darunter, und natürlich "Mio, mein Mio". Der Mantel ist vorne etwas geöffnet, und Astrid Lindgren nimmt die Kinder aus ihren Büchern darunter auf: Das Zwergenpaar Peter und Petra schaut zuversichtlich zu ihr hoch, auf ihrer Schulterhöhe fliegt Herr Lilienstengel. Verstörend aber ist der Junge, der zu ihrer Linken kauert, ein stilles, zusammengesunkenes Kind in Schutzhaltung, die Augen geschlossen wie in Erwartung des nächsten Schlages. Bo Vilhelm Olsson, ohne Zweifel.

Der Junge, das kann man annehmen, der große Tagträumer und Weltenretter im Land der Ferne, ist nie aus dem Tegnérpark hinausgekommen. Mag sein, dass er nun der kullernden Bierflasche zu seinen Füßen einen kräftigen Tritt versetzt und mürrisch aufsteht, um nach Hause zu gehen, zu Onkel Sixten und Tante Edla. Ein paar Jahre wird er noch aushalten müssen. Weiterträumen. Auch dafür ist der Tegnérpark ein guter Ort.


Dieser Artikel von Tilman Spreckelsen ist zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 30. September 2012. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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Dieser Artikel von Tilman Spreckelsen ist zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 30. September 2012. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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